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Diplomatie im Dienste der Opfer

Cyril Prissette, Angehöriger des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe, hat seine Rolle als stellvertretender regionaler Koordinator des DEZA-Büros in Amman (Jordanien) gegen jene eines Diplomaten getauscht. Cyril Prissette arbeitet seit 2012 in der Schweizer Mission bei den Vereinten Nationen in New York als Berater für humanitäre Fragen. Aufgrund seiner Erfahrung im Feld kann er die politischen Diskussionen, an denen er teilnimmt, besser mit den konkreten Erfordernissen vor Ort verbinden.

Cyril Prissette, der neben Vertretern Syriens sitzt, ergreift am Sitz der Vereinten Nationen in New York das Wort
Für Cyril Prissette (rechts) tragen die Diskussionen zwischen den Staaten, den multilateralen Organisationen und den NGO in New York dazu bei, die humanitäre Hilfe besser zu koordinieren und ihre Wirksamkeit zu erhöhen.

An Arbeitstage mit unendlich langen Sitzungen musste sich Cyril Prissette zuerst gewöhnen. Er, der vor allem für das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) in Uganda oder für das IKRK im Libanon, dem Besetzten Palästinensischen Gebiet und im Kosovo gearbeitet hat, bringt sich jetzt in einem viel engeren Arbeitsumfeld in der Schweizer Mission bei den Vereinten Nationen in New York ein. Als Vermittler von zwischenstaatlichen Gesprächen und Informationsperson für die DEZA hat Cyril Prissette einen guten Einblick in die laufenden diplomatischen Verhandlungen. Diese entscheiden darüber, welche humanitäre Hilfe bei einem bewaffneten Konflikt oder nach einer Naturkatastrophe geleistet wird.

Cyril Prissette, wie sehen Ihre Tage in New York aus?
Meine Aufgabe ist es, hier bei der UNO und diversen internationalen Organisationen die humanitäre Stimme der Schweiz zu verstärken. In meiner Arbeit geht es darum, die Haltung der Schweiz in den oft politisierten Auseinandersetzungen zu vertreten. Gleichzeitig informiere ich meine Kolleginnen und Kollegen in Bern über die Ergebnisse des ständigen Austauschs mit unseren Partnern.

Ist es immer einfach, Diplomat zu sein?
Ich kann mich nicht beklagen. Hier kursieren viele Ideen. Das ist einerseits sehr anregend, andererseits aber auch etwas verwirrend. Man hat nicht immer Zeit, sich in alle Geschäfte zu vertiefen. Das New Yorker Tempo gleicht einem ständigen Wettlauf. Man rennt buchstäblich von einem Ort zum andern, von einer Mission zur anderen und zwischendurch zum Sitz der UNO. Ich will aber auch nicht verbergen, dass ich manchmal eine gewisse Frustration verspüre. Frustriert bin ich, wenn ich sehe, wie sehr die hier geführten Diskussionen und die Resultate vor Ort manchmal auseinanderklaffen.

Das ist eine oft geäusserte Kritik. Was können Diplomaten konkret bewirken?
Bei der Antwort auf diese Frage gibt es zwei wichtige Aspekte. Zuerst geht es um die Arbeit an den Resolutionen, welche die rechtliche Basis der humanitären Einsätze bilden. Ich meine nicht nur die von der UNO-Generalversammlung im September verabschiedeten Resolutionen. Auch der Sicherheitsrat nimmt immer häufiger Stellung zu kritischen Situationen, bei denen das Leben Tausender Menschen auf dem Spiel steht. Denken wir etwa an Syrien oder die Zentralafrikanische Republik.

Doch eine Resolution genügt nicht immer, um die Lage vor Ort zu ändern…
Sicher stellt die Umsetzung mancher Resolution eine Herausforderung dar. Deshalb möchte ich die zweite Ebene von Erfolgen der «humanitären Diplomatie» ansprechen: die Fortschritte, die bezüglich der Durchführung und Evaluation der humanitären Hilfe auf der ganzen Welt erzielt wurden. Die regelmässigen Diskussionen zwischen Staaten, multilateralen Organisationen und NGOs haben in den letzten Jahren zweifellos zu einer verbesserten Koordination der humanitären Hilfe beigetragen. Konkret kommt die Hilfe in vielen Fällen rascher bei den Opfern an, weil die Synergien zwischen den verschiedenen Akteuren besser genutzt werden. Beim Taifun Haiyan, der im November 2013 auf den Philippinen wütete, konnten innerhalb weniger Tage mehrere Millionen Franken zur Verfügung gestellt werden. Koordination heisst mehr Wirksamkeit.

Und Rückverfolgbarkeit der Gelder, die zur Rettung von Menschenleben ausgegeben werden?
Unbedingt. Ein weiterer Fortschritt besteht in der verstärkten Rechenschaftspflicht der Akteure der humanitären Hilfe. Mit Evaluationen nach dem Einsatz und mit Kontrollmechanismen kann überprüft werden, ob die Hilfe angemessen war. Haben die Betroffenen wirklich davon profitiert? Wurden ihre grundlegenden Bedürfnisse berücksichtigt? Hat man sie einbezogen, um das beste Verhältnis von Engagement und Wirkung vor Ort zu erzielen? Diese und zahlreiche weitere Aspekte der humanitären Arbeit ergeben sich zu einem grossen Teil aus den diplomatischen Verhandlungen in New York.

Ende Juni wurde eine neue Resolution der humanitären Abteilung des Wirtschafts- und Sozialrats der Vereinten Nationen (ECOSOC) verabschiedet. Eine Resolution, die Sie offenbar ziemlich beschäftigt hat…
Ja, ich handelte im Namen der Schweiz, die den Verhandlungsprozess mit Bangladesch mitgestaltet hat. In diesen Prozessen geht es darum, Kompromisse zu finden, die für alle Staaten akzeptabel sind. Schliesslich brachte die Resolution ein paar Fortschritte in der Frage der Zwangsumsiedlungen und der Ausbildung von Kindern, die von humanitären Krisen betroffen sind. Es ist das zweite Jahr, in dem die Schweiz eingeladen wurde, an den Diskussionen mitzuwirken.

Ist der Ruf der Schweiz dafür von Vorteil?
In erster Linie waren die Staaten sehr zufrieden mit unserer «ausgewogenen» Vermittlung letztes Jahr, denke ich. Dann kann die Schweiz natürlich von ihrem Image als neutraler Staat und als Brückenbauerin profitieren. Doch dazu kommt, dass die Schweiz auch als massgebliche Akteurin bei Themen wie Wirksamkeit der Hilfe, Zugang zu den Opfern und Schutz der Opfer gilt. Einerseits wird immer wieder auf die Genfer Konventionen Bezug genommen. Anderseits profiliert sich die Schweiz durch ihr Engagement bei neuen Fragen der humanitären Hilfe. Die Beratungen zur Vorbereitung des Weltgipfels für humanitäre Hilfe von 2016 werden in Genf stattfinden. Es wird dort unter anderem um die Herausforderungen durch neue Arten von Konflikten, um Risikomanagement, um die Verbesserung der Schnittstellen zwischen humanitären Einsätzen und der Entwicklungszusammenarbeit gehen. Bei all diesen Themen verfügt die Schweiz über Fachwissen und Ansehen, und das spielt eine Rolle.

Letzte Aktualisierung 26.01.2022