Im Gespräch mit der lokalen Bevölkerung wird die Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit sichtbar

Artikel, 29.09.2014

Martin Dahinden stand von 2008–2014 der DEZA vor. Ende September 2014 verlässt er die Schweiz und wird Botschafter in Washington. Im Gespräch zieht Martin Dahinden Bilanz aus seiner Amtszeit, erinnert sich an persönliche Highlights, spricht über Veränderungen in der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit der vergangenen Jahre und nennt zukünftige Herausforderungen.

Martin Dahinden mischt sich bei seinem Besuch in Pakistan 2011 unter die Bevölkerung.
Hat stets Wert gelegt auf den Austausch mit den Menschen vor Ort: Martin Dahinden beim Besuch eines von Helvetas Swiss Intercooperation durchgeführten DEZA-Projekts zur ländlichen Entwicklung im Swat-Tal in Pakistan, 2011. © DEZA

Herr Dahinden, wie sieht Ihre Bilanz als DEZA-Direktor aus?
Es gibt zwei Bilanzen, eine persönliche und eine berufliche. Auf persönlicher Ebene waren die vergangenen sechseinhalb Jahre eine faszinierende Zeit. Ich hatte die Gelegenheit, an Orte zu gelangen und mit Menschen zusammenzutreffen, die ich unter anderen Umständen nicht kennengelernt hätte – zum Beispiel in der Region der Grossen Seen, in Afghanistan, in Slums in Lateinamerika oder in Haiti kurz nach dem Erdbeben. Ich habe den Alltag von Menschen erfahren, die in Armut und Not leben. Die Begegnungen mit anderen Kulturen und anderen Lebenswelten habe ich als grossen Gewinn wahrgenommen.

Ein weiterer Aspekt, der mich fasziniert hat und den ich in Erinnerung behalten werde, ist das Engagement der DEZA-Mitarbeitenden. Sie leben und arbeiten teilweise unter schwierigen und gefährlichen Bedingungen.

Was kommt Ihnen in beruflicher Hinsicht in den Sinn, wenn Sie an die vergangenen Jahre denken?
Auf beruflicher Ebene denke ich an den Umbruch in der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe sowie im Umfeld der beiden Bereiche. Der Beginn meiner Amtszeit fiel mit der Wirtschafts- und Finanzkrise zusammen, die sich stark auf die internationalen Beziehungen ausgewirkt hat. Themen wie Ernährungsunsicherheit, Migration, Wasser oder Ressourcenverknappung erhielten eine neue Bedeutung. Die Akteure der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit stellten sich Fragen nach der weiteren Ausrichtung des Schweizer Engagements.

Zwei Entwicklungen haben sich abgezeichnet: Erstens wurde deutlich, dass sich die Schweiz stärker in fragilen Kontexten und in Kontexten mit Konflikten engagieren soll, da dort bei der Bekämpfung der Armut kaum Fortschritte erzielt wurden. Zweitens wurde versucht, mit der Entwicklungszusammenarbeit Antworten auf globale Herausforderungen zu finden, zum Beispiel im Bereich Klimawandel. Diesem Zweck dienen die Globalprogramme, die 2009 lanciert worden sind. Es wurde klar, dass die weltweiten Herausforderungen nur bewältigt werden können, wenn der enge Rahmen von lokalen Programmen und Projekten überschritten wird.

Mit welchen Errungenschaften der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit während ihrer Amtszeit sind Sie besonders zufrieden?
Zwei Ergebnisse freuen mich besonders. Eines betrifft das gute Zeugnis, das die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development, OECD) 2013 der DEZA ausgestellt hat. Damit hat die OECD bestätigt, dass die DEZA als Entwicklungsagentur gute Arbeit leistet.

Der zweite Punkt betrifft die Aufstockung der Mittel für die öffentliche Entwicklungshilfe auf 0,5% des Bruttonationaleinkommens durch das Parlament. Noch nie in der Geschichte der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit verfügte die DEZA über so viel Mittel. Noch wichtiger ist aber der Vertrauensbeweis des Parlaments. Die Mittel sind bitter nötig, angesichts der Not und Krisen.

Ich bin ebenfalls zufrieden damit, dass es der Schweiz gelungen ist, in Nordafrika nach dem arabischen Frühling rasch Programme aufzubauen. Erwähnenswert ist auch das Engagement der Schweiz nach dem Erdbeben in Haiti 2010. Und schliesslich konnte die Schweiz in den letzten Jahren eine grosse Rolle spielen in den Diskussionen der UNO über die Neuausrichtung der Entwicklungszusammenarbeit.

Was zeichnet die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit aus, was ist ihr Profil?
Die Schweiz verfolgt keine geostrategischen Interessen und hat keine versteckte Agenda. Es geht nicht darum, ein Regime zu stabilisieren oder eine machtpolitische Wirkung zu erzielen. Den Menschen in den Ländern, in denen wir uns engagieren, ist das bewusst. Das habe ich in Gesprächen mit der Bevölkerung festgestellt, zum Beispiel bei einem Austausch mit einem Imam im Swat-Tal, im Norden Afghanistans, an der Grenze zu Pakistan.

Die Reduktion von Armut, die Linderung von Not und der Übergang zu demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaften sind die Kernanliegen der Schweiz. Diese Ziele versucht sie mit dem Ansatz«Hilfe zur Selbsthilfe» zu erreichen.

Was sind die Qualitäten und Themen der Schweiz als Partnerin vor Ort?
Die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit ist nahe bei den Menschen. Sie bezieht schweizerische sowie lokale Hilfswerke und Nichtregierungsorganisationen mit ein. Vor Ort sind dies zum Beispiel Bauern-Kooperationen oder Frauenorganisationen. Die Schweiz engagiert sich in einem Land für mehrere Jahre und baut langfristige Partnerschaften auf. Sie wird als zuverlässige Partnerin wahrgenommen. Ein weiteres Charakteristikum sind die Themen, namentlich Wasser, Berufsbildung, Gesundheit und ländliche Entwicklung Es sind Bereiche, in denen die Schweiz stark ist, Erfahrung hat und viel beitragen kann.

Wo stand die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit bei ihrem Amtsantritt 2008 und wo steht sie heute? Welches waren die grössten Veränderungen?
Als ich 2008 als DEZA-Direktor angefangen habe, war die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit mit ihren Projekten solide und gut. Dann gab es eine Verschiebung des Schwergewichts in Richtung fragile Kontexte und globale Herausforderungen. Eine grosse Veränderung war, dass versucht wurde, vor Ort gewonnene Erfahrungen in internationale Organisationen oder in Diskussionen mit Regierungen einzubringen. Die praktische Arbeit wurde mit der politischen Arbeit verknüpft. Dies mit der Absicht, eine grössere Hebelwirkung zu erreichen. Zudem kann die Schweiz dadurch gut gerüstet an internationalen Diskussionen teilnehmen.

Ein Beispiel: in Westafrika hat die Schweiz in verschiedenen Ländern Erfahrungen gesammelt mit verantwortungsvollen Investitionen im Landwirtschaftsbereich. Dieses Wissen konnte sie in der Afrikanischen Union und in der Welternährungsorganisation bei der Erarbeitung von Richtlinien einbringen.

Ein weiterer grosser Schritt war 2013 die Erarbeitung einer umfassenden Strategie mit gleichen Zielsetzungen für die Entwicklungszusammenarbeit der DEZA und des SECO, der humanitären Hilfe und der Ostzusammenarbeit. Seit den 1960er-Jahren liefen diese Bereiche parallel. Das Schweizer Parlament und die OECD haben diese Änderung sehr gut aufgenommen.

Seit 2008 haben Sie im Rahmen Ihres Amts viele Reisen gemacht. In welchen Situationen ist Ihnen die Wirksamkeit der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit besonders bewusst geworden?
Die Wirksamkeit des schweizerischen Engagements war bei all meinen Projektbesuchen sichtbar, wenn auch ungleich stark. In Gesundheits- und Wasserprojekten sind Resultate rasch erkennbar. In Moldawien, das ich unter anderem besucht habe, hatten einige Dörfer dank den Wasserprogrammen der DEZA zum ersten Mal überhaupt fliessendes Wasser. Solche Veränderungen sind unmittelbar, und die Menschen erzählten mir davon. Ich bemerkte die Wirksamkeit auch in anderen Situationen. In Nicaragua habe ich gesehen, wie Grundregister eingeführt worden sind, damit die Bauern nicht willkürlich ihr Land verlieren.

Im Gespräch mit der Bevölkerung wird die Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit sichtbar. Bei meinen Reisen und Projektbesuchen habe ich stets Wert darauf gelegt, wenn möglich vor den offiziellen Gesprächen mit der lokalen Bevölkerung zu reden. Ich wollte mir ein Bild davon machen, ob die Menschen durch die Projekte zum Beispiel in der Lage sind, ein Einkommen zu erzielen. Erst danach reiste ich in die Hauptstädte und sprach mit Ministern oder anderen Geberländern. Den Austausch mit der lokalen Bevölkerung werde ich in guter Erinnerung behalten. Er war einer der schönsten Aspekte meiner Reisen.

Wo liegen Ihrer Meinung nach zukünftig die grossen Herausforderungen, Themen und Aufgaben der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit?
Eine grosse Herausforderung wird die Neuausrichtung der DEZA-Programme sein. In der Vergangenheit waren sie stark auf Not und Armut ausgerichtet. Es ist wichtig, in Zukunft alle drei Säulen der Nachhaltigkeit zu berücksichtigen, also auch die wirtschaftliche und die ökologische. Diese Veränderungen finden auch international statt. Die zukünftige Entwicklungsagenda der UNO wird nicht nur auf die Armutsbekämpfung, sondern auch auf die Nachhaltigkeit ausgerichtet sein.

Ich schildere diese Entwicklung an einem Beispiel: Wenn die Aufgabe darin besteht, das Einkommen von Fischern zu verbessern, geht es einerseits darum, einen Markt für Fische zu schaffen, damit die Menschen ihre Produkte verkaufen können. Es gibt aber auch ökologische Aspekte, zum Beispiel die Verhinderung von Überfischung. Es geht darum, den Menschen ein nachhaltiges Einkommen zu verschaffen.

Ein weiteres Thema ist die Instabilität im östlichen und südlichen Mittelmeerraum. Im Moment leistet die Schweiz in diesen Gebieten humanitäre Hilfe. In den nächsten Jahren muss sie sich die Frage stellen, welchen Beitrag sie zu einer längerfristigen Stabilisierung leisten kann. Die Richtung wird mit der Zeit klar. Ein spanisches Sprichwort besagt, dass der Weg im Gehen entsteht. Das gilt auch für die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit in diesem Raum.