Junge Männer hinterfragen stereotype Vorstellungen von Männlichkeit

Projekt abgeschlossen
Ein Jugendlicher signiert mit einem farbigen Handabdruck eine kollektive Charta.
Mit Sensibilisierungskampagnen und Diskussionen unter Jugendlichen wird gewaltfreies Verhalten gefördert. © Care International ©

In Bosnien und Herzegowina bildet der Fortbestand von stereotypen Vorstellungen von Männlichkeit ein grosses gesellschaftliches Problem. Viele junge Männer verhalten sich gegenüber Frauen gewalttätig. Sie neigen auch dazu, ihre eigene Gesundheit zu vernachlässigen. Mit der Unterstützung verschiedener Bildungsinitiativen will die DEZA dazu beitragen, die Einstellungen und die Lebensweise der Jugendlichen zu verändern.

Land/Region Thema Periode Budget
Bosnien und Herzegowina
Gender
Gesundheit
Sexuelle & geschlechterbasierte Gewalt
Reproduktive Gesundheit & Rechte
Gesundheitsaufklärung
01.12.2013 - 30.11.2017
CHF 700'000

Bis heute , viele Jahre nach dem Krieg, sind die Wunden des Konflikts in Bosnien und Herzegowina nicht verheilt. Kleine Jungen wachsen mit dem Anspruch auf, «richtige Männer» zu werden. Dies hat auch Auswirkungen auf ihr Rollenverständnis und ihre Sicht der gesellschaftlichen Bedeutung der Frauen.

Wenn es um ihre Gesundheit geht, fällt es Jungen schwer, sich Hilfe zu suchen, da sie darauf getrimmt wurden, sich keine Blösse zu geben, aggressiv aufzutreten und vor allem autonom zu sein. Schlimmstenfalls versuchen sie, sich durch Tabak-, Drogen- und Alkoholkonsum, gefährliches Verhalten im Verkehr oder ungeschützten Geschlechtsverkehr von ihren Kollegen abzuheben.

Zusammenfassend führen die patriarchalischen Werte in Bosnien und Herzegowina zu ernsthaften Problemen mit Gewalt und Verhaltensweisen, die die öffentliche Gesundheit beeinträchtigen. Um einen Mentalitätswandel zu bewirken, finanziert die DEZA seit 2014 einen Teil der Aktivitäten der NGO Care International in Bosnien und Herzegowina. Dabei geht man davon aus, dass die jungen Männer direkt in die Prävention von Gewalt gegen Frauen – und gegen sich selbst – einbezogen werden müssen.

«Be a Man»-Clubs

Das von der NGO Care International in Bosnien und Herzegowina umgesetzte Projekt Young Men Initiative wird vom nationalen Büro für die Gleichstellung der Geschlechter und von den entsprechenden Ämtern der zwei politisch-administrativen Entitäten des Landes (Föderation von Bosnien und Herzegowina und Republika Srpska) unterstützt. Die Berücksichtigung der Geschlechterfrage im Bildungssystem ist diesen Institutionen besonders wichtig. Auch die Bildungsbehörden setzen sich auf allen Stufen des Landes dafür ein.

Das Projekt ist auf mehreren Ebenen gleichzeitig tätig:

  • In etwa zwanzig Mittelschulen bieten Clubs mit dem vielsagenden Namen «Be a Man» (auf Bosnisch Budi Musko) Schülern im geeigneten Alter eine Plattform, um sich über Stereotype auszutauschen und gewaltfreie Konfliktlösungen kennenzulernen. In diesen Clubs werden auch Themen wie Sexualität, reproduktive Gesundheit oder Sucht diskutiert. Dabei werden verschiedene Methoden eingesetzt. In der Stadt Banja Luka haben Jugendliche einen Flashmob (Sensibilisierungsaktion) durchgeführt und dabei Gleichaltrige und die Bevölkerung generell zur Bekämpfung von Gewalt aufgefordert.

  • Im ganzen Land werden zahlreiche Informations- und Sensibilisierungskampagnen durchgeführt, auch über die sozialen Medien. Bis 2017 sollen 50‘000 Jugendliche – und indirekt ihr Umfeld – über ihre Vorstellungen zur Rolle der Frau, ihr Verhältnis zur Gesundheit und die Werte, die ihr Verhalten bestimmen, befragt werden. Im Rahmen von React Human, einer grossangelegten Aktion, haben Tausende von Jugendlichen eine Charta gegen Gewalt in ihren Schulen unterzeichnet. Auch die Eltern der Schülerinnen und Schüler sind aufgefordert, sich entschiedener in der Gewaltprävention zu engagieren.

  • Lehrerinnen und Lehrer, Jugendbetreuerinnen und Jugendbetreuer und Mitarbeitende von spezialisierten NGOs erhalten eine Weiterbildung zu diesen Themen, damit sie die Jugendlichen entsprechend begleiten können. Zu diesem Zweck wurde auch ein Lehrmittel entwickelt.

  • Ziel ist es letztlich, dass sämtliche pädagogischen Massnahmen systematisch in die offiziellen Lehrpläne integriert werden. Zu diesem Zweck arbeitet die Arbeitsgruppe eng mit den zuständigen nationalen und regionalen Behörden zusammen. Ein Kanton der Föderation Bosnien und Herzegowina hat seine 29 Mittelschulen bereits dazu verpflichtet, das im Rahmen des Projekts entwickelte Bildungsprogramm in ihren Lehrplan aufzunehmen. Das Ministerium für Bildung der Republika Srpska hat das Programm ebenfalls offiziell anerkannt.

Care International nutzt seine verschiedenen Engagements vor Ort, um bei den Jugendlichen möglichst viele wissenschaftliche Daten zu erheben, die für die Fortsetzung des Projekts nützlich sein könnten. Zu den untersuchten Problemen gehören Risikoverhalten und frühe Elternschaft (Jugendliche, die noch im Schulalter Eltern werden).

Veränderungspotenzial

Das Projekt Young Men Initiative hat über die Jahre aufgezeigt, welche Veränderungen ausgelöst werden können, wenn Jugendliche auf ihr Verhalten und ihre Vorstellungen angesprochen werden. Dagegen sind teilweise bei Lehrpersonen oder Eltern von Schülern Widerstände zu erkennen. Deshalb ist es notwendig, für die Umsetzung Personen auszuwählen, die voll hinter dem Projekt stehen. Dies erfordert Zeit und Geduld, genauso wie der Wandel von soziokulturellen Normen, der in einem Land wie Bosnien und Herzegowina mehrere Generationen dauern wird.