Zum Anfang

«Weltweit sind ausreichend Nahrungsmittel verfügbar, aber der Zugang dazu ist nicht gesichert»

Im Zusammenhang mit der humanitären Nothilfe in der Ukraine erinnert das Globalprogramm Ernährungssicherheit (GPFS) der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) an die Notwendigkeit, systemische Ansätze für gesunde und nachhaltige Ernährungssysteme zu stärken. Hunger und Unterernährung nehmen in einigen Regionen aufgrund bestehender Krisen exponentiell zu. Alessandra Roversi vom GPFS stellt sich unseren Fragen.

Ein ukrainischer Landwirt zeigt den Krater, den eine russische Granate in seinem Feld hinterlassen hat.

Landwirt Serhiy sah, wie sein Getreidefeld im Dorf Ptyche im Osten der Region Donezk von einer russischen Granate zerstört wurde. © Keystone

Inwiefern wirkt sich der Krieg in der Ukraine auf die Ernährungssituation in der Welt aus? Werden bestimmte Nahrungsmittel knapp?

Eigentlich sind derzeit weltweit ausreichend Nahrungsmittel verfügbar, aber der Zugang dazu ist nicht gesichert. Viele Regionen Afrikas sowie des Nahen und Mittleren Ostens sind von Weizenimporten aus der Ukraine und Russland abhängig. Die beiden Länder gehören zu den grössten Produzenten von Weizen, aber auch von Gerste, Raps und Sonnenblumen. Das Getreide ist in Silos blockiert, und verschiedene kommerzielle und finanzielle Herausforderungen haben zu einem historischen Anstieg der Preise geführt, die über die letzten zwei Jahre wieder angestiegen waren. In anderen Ländern gibt es zwar Vorräte, aber es fehlen Informationen über die globalen Lagerbestände, und einige Länder haben gerade erst Beschränkungen und Exportverbote verhängt. Es geht also nicht um die Menge oder die Kalorienzahl, sondern um den stabilen und dauerhaften Zugang zu wirklich gesunder und nahrhafter Nahrung.

Wie können Hunger und Unterernährung bekämpft werden? Sollte zum Beispiel die humanitäre Nothilfe erhöht oder die landwirtschaftliche Produktion gesteigert werden?

Angesichts der Komplexität der Situation gibt es keine Patentlösung. Die Nahrungsmittelsoforthilfe muss durch Massnahmen auf Systemebene ergänzt werden, und Systeme brauchen länger, bis diese Ergebnisse zeitigen. Bei den Ernährungssystemen machen wir uns für mehr Vielfalt im weitesten Sinne stark. Ein wenig diversifiziertes System bricht bei Schocks nämlich leichter zusammen. Ein vielfältiges und dynamisches System hingegen ist robuster und anpassungsfähiger. Unsere Projekte fördern die Vielfalt in den unterschiedlichsten Bereichen: Produktionssysteme, Versorgungsketten, Saatgut, Wissen und Know-how, Finanzierung, Einkommensquellen, Ernährungsweisen, Marktzugang, Forschungsziele und Entscheidungsträger.

Unsere Abteilung befasst sich aktiv mit den verschiedenen strukturellen Aspekten der Ernährungsunsicherheit. Unsere Partner handeln auf der Ebene der Gouvernanz, um sicherzustellen, dass alle Akteure des Systems in Entscheide, die sie betreffen, einbezogen werden. Z.B. bei Fragen wie: welche Lebensmittel von wem, für wen und unter welchen Bedingungen produziert werden. Strukturelle Ungerechtigkeit, wie die Missachtung der Menschenrechte und insbesondere des Rechts auf Nahrung sowie eine mangelnde Beteiligung der betroffenen Bevölkerung sind die tiefer liegenden Ursachen für Hunger und Unterernährung.

Welche unmittelbaren Massnahmen ergreift die DEZA in der Ukraine?

Es gibt verschiedene dringende Bedürfnisse, die berücksichtigt werden müssen. Zuerst kommt die humanitäre Hilfe der Schweiz zum Einsatz. Sie stellt der Ukraine und deren Nachbarländern Nahrungsmittel, Hilfsgüter und Fachleute zur Verfügung. Dies geschieht aber nicht auf Kosten anderer Gebiete wo Ernährungsunsicherheit herrscht, die von der Schweiz ebenfalls unterstützt werden. Die Schweiz hat auch rekordhohe zusätzliche Finanzmittel für das Horn von Afrika und die Sahelzone bereitgestellt, und die Lage im Jemen und in Somalia wird sehr genau beobachtet.

Wie setzt die Abteilung GPFS angesichts dieser komplexen Situation ihre Prioritäten?

Unsere Abteilung agiert komplementär zu den humanitären Massnahmen, die derzeit in der Ukraine und anderen Regionen mit kritischer Ernährungsunsicherheit durchgeführt werden. Wir sind bestrebt, die Massnahmen über einen längeren Zeitraum zu konsolidieren. Mit unseren Umsetzungspartnern vor Ort und Hunderten von Bauernfamilien setzen wir uns beispielsweise für agrarökologische Produktionsmethoden ein, indem wir die Verwendung von widerstandsfähigen und nährstoffreichen lokalen Gemüse- und Getreidesorten fördern. Projekte dieser Art haben mehrere Vierjahreszyklen und haben nicht nur die Steigerung der Effizienz, der Erträge und der Rentabilität zum Ziel, sondern auch die Schaffung eines resilienten lokalen Ernährungssystems, d. h. eines Systems, das in der Lage ist, Schocks wie jenen, der durch den Konflikt in der Ukraine ausgelöst wurde, aufzufangen.

Der Konflikt in der Ukraine reiht sich in eine ganze Serie von Krisen ein, die sich überlagern und seit mehreren Jahren andauern.
Alessandra Roversi, Programmbeauftragte des GPFS

Wie beurteilte die Abteilung GPFS die Ernährungssituation in der Welt vor diesem neuen Schock?

Krisen sind ein Indikator dafür, wie dysfunktional unsere Ernährungs- und Agrarsysteme sind und wie sie die Gesundheit sowohl der Menschen als auch des Planeten belasten. Die durch den Konflikt in der Ukraine erzeugten Schocks haben ein System, das sich bereits vorher in einem sehr prekären Gleichgewicht befand, zum Kippen gebracht. Der Konflikt in der Ukraine reiht sich in eine ganze Serie von Krisen ein, die sich überlagern und seit mehreren Jahren andauern.

Die Zahl der Hungernden steigt nach mehreren rückläufigen Jahren seit 2015 wieder an. Der Klimawandel wirkt sich in vielen Regionen der Welt negativ auf die natürlichen Ressourcen und damit auch für die landwirtschaftliche Produktion aus. Einige leiden gleichzeitig unter internen oder internationalen Konflikten. Und natürlich hat die Covid-19-Pandemie die Versorgungsketten in Mitleidenschaft gezogen und bereits gefährdete Bevölkerungsgruppen zusätzlich geschwächt, weil der Zugang zu Nahrungsmitteln noch schwieriger geworden ist. Um die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie zu mildern, haben die Staaten im Übrigen erhebliche Ressourcen eingesetzt und können nicht mehr allen Bedürfnissen gerecht werden.

Welche Folgen hat dies für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen?

In der aktuellen Krise müssen viele Menschen von Tag zu Tag überlegen und kurzfristig Entscheide treffen, z. B. weniger hochwertige Lebensmittel zu kaufen oder eine Mahlzeit auszulassen. Vor allem Frauen verzichten oft zugunsten anderer Familienmitglieder auf das Essen. Durch die steigenden Preise werden gesunde, nährstoffreiche und qualitativ hochwertige Lebensmittel für die am stärksten gefährdeten Familien und Gemeinschaften und insbesondere für Frauen und Kinder nahezu unerreichbar. Die langfristigen Auswirkungen dieser Situation werden unzureichend berücksichtigt, sind aber besorgniserregend. Wenn nicht sofort Massnahmen ergriffen werden, werden diese gefährdeten Bevölkerungsgruppen in eine lang anhaltende chronische Unterernährung abrutschen, die schwerwiegende Folgen für die körperliche und kognitive Entwicklung der Kinder, die Armut, die Einkommensverteilung und die Entwicklungsergebnisse der kommenden Jahrzehnte haben wird.

Die Reaktion auf Krisen muss sektorübergreifend sein, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene.
Alessandra Roversi, Programmbeauftragte des GPFS

Die Abteilung GPFS vertritt die Schweiz auch in einigen internationalen Institutionen und Organisationen. Welche Positionen vertritt die Schweiz angesichts der aktuellen Krisensituation in den multilateralen Gremien?

Zahlreiche Organisationseinheiten des EDA beteiligen sich am Austausch auf multilateraler Ebene. Unsere Abteilung engagiert sich speziell bei den UNO-Organisationen mit Sitz in Rom, die sich auf Fragen der Landwirtschaft und Ernährung konzentrieren. Wir tragen beispielsweise zu den Verhandlungen im Ausschuss für Welternährungssicherheit (Committee on World Food Security, CFS) bei, der neben den Mitgliedstaaten auch Vertreterinnen und Vertretern des Privatsektors und der Zivilgesellschaft und indigener Völker einschliesst. Dieser Multi-Stakeholder-Ausschuss macht politische Empfehlungen und verabschiedet Leitlinien zu Schlüsselthemen wie Agrarökologie, Beteiligung und Beschäftigung von Jugendlichen im Agrarsektor, Gleichstellung der Geschlechter und Stärkung der Rolle der Frau sowie Abbau von Ungleichheiten im Hinblick auf Ernährungssicherheit und Ernährung. Die Schweiz ist bei diesen Verhandlungen sehr aktiv.

All diese Aktivitäten zeigen, dass die Reaktion auf die Krise sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene sektorübergreifend sein muss. Wir müssen das Silodenken bei den Akteuren in der Landwirtschaft, der Gesundheit, der Ernährung, dem Klima und der Umwelt überwinden. Auch wenn diese Arbeitsweise bisweilen komplex ist, ist sie dennoch unerlässlich, um wirklich auf die Bedürfnisse der am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen eingehen zu können.

Mit wem arbeiten die DEZA und andere Einheiten des EDA zusammen? Einige Beispiele:

Die DEZA arbeitet mit dem Welternährungsprogramm, dem UNO- Flüchtlingshochkommissariat und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz zusammen, um koordinierte Lösungen zu finden und sicherzustellen, dass die Beiträge der Schweiz bei den betroffenen Menschen die grösstmögliche Wirkung haben.

Die Schweiz ist auch in New York aktiv und verfolgt aufmerksam den vom UNO-Generalsekretär geschaffenen GCRG-Mechanismus (Globale Krisenreaktionsgruppe für Ernährung, Energie und Finanzen).

Wir beteiligen uns auch am Austausch der Globalen Allianz für Ernährungssicherheit (GFAS), die von den G7-Staaten und ihrer deutschen Präsidentschaft sowie der Weltbank ins Leben gerufen wurde, und in der sich die bilateralen und multilateralen Geber über ihre Ansätze austauschen und diese koordinieren.